Lange Nacht der Märchen

3. Juli 2010 | Burgruine, Burgcasino Bad Lippspringe. Pünktlich zum Start der vierten „Langen Nacht der Märchen“ in der Burgruine zu Bad Lippspringe fegte eine heftige Windböe die märchenhaft geschmückte Kulisse durch die Lüfte. Rettung vor dem Unwetter bot das gegenüberliegende Burgcasino, in dem die Märchengesellschaft dankbar Platz nahm und sich auf „Liebeskummer und Gänsehaut“ freute, so das Motto der diesjährigen Märchenveranstaltung.

„Küss mich“, rief die Kuh, „Küss mich“, rief sie immer wieder. Und das Mädchen, in glühender Erwartung des Prinzen, küsste die Kuh. Was dann geschah, weiß niemand so fabelhaft darzustellen wie Herta Glück, begnadete Märchenerzählerin aus Österreich. Sie hält inne, schaut ihr Publikum fragend an und dann bricht das Feuerwerk der Worte aus ihr heraus. Das Ergebnis ist ein lächelnder Prinz, ein Mädchen, das nun Kuh geworden ist und ein begeistertes Publikum.

Nicht weniger famos: Marianne Vier, ausgezeichnete Märchenerzählerin aus Bad Lippspringe. Mit ihrer Interpretation des alten Grimmschen Märchens „Der Fischer und seine Frau“ bringt sie Ilsebill, ihren Mann, den Fischer, und den „Buttje, Buttje, in der See“ in das mucksmäuschenstille Burgcasino. Drohend färben sich Meer und Himmel, während Ilsebills den göttlichen Thron herbei wünscht und schließlich dort landet, wo alles begann: in einem Pisspott. Marianne Vier ist einzigartig mit ihrem Erzählstil. Souverän und packend setzt sie Worte in Szenerie um, und verliert keine Sekunde ihre Zuhörer aus den Augen.

Mit schuldvollen Blick, aber den Schalk im Nacken, steht Thomas Hoffmeister-Höfener, Geschichtenerzähler aus dem Münsterland, vor dem Publikum und erbittet die Erlaubnis für ein Geständnis der besonderen Art. Mit geballter Vortragskraft legt er los, erzählt von Annette, seiner Grundschulliebe, einem liebestollen Plan, der nicht gelingt, einem abgerichteten Hund, der sich kraulen lässt, und einem Otto an der Hand von Annette. Liebeskummer hausgemacht.

Nicht zuletzt auf der Bühne: Sieglinde Schröder, Erzählerin und gleichzeitig Initiatorin der Veranstaltung. Mit ihrem Innuitmärchen vom Robbenfänger, der gepeinigt von der Einsamkeit und getrieben von der Sehnsucht nach Liebe, einem Robbenmädchen das Fell raubt und sie zur Heirat zwingt, stellt Sieglinde Schröder einmal mehr ihren emotionalen und expressiven Stil in den Dienst hoher Erzählkunst.

So begeisterten schließlich alle vier Erzähler mit ihrem Können. Sie ließen sie den fast fünf Stunden währenden Erzählfluss mal hier mal dorthin laufen, ohne dass auch nur ein Fünkchen Langeweile aufkeimen konnte. Wunderbar klangvoll wusste abermals Britta Jones aus Horn-Bad Meinberg mit ihrer Klarinette die Erzählpausen zu füllen. Liebeskummer lohnt sich nicht? Wenn er so amüsant verpackt wird allemal.

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